28. Februar 2022

Was ist aus den Träumen meiner Generation geworden? 

Ich bin mitten im Kalten Krieg groß geworden. Die atomare Bedrohung durch die NATO und den Warschauer Pakt war einfach mein Leben lang da. Ich kannte es nicht anders. Und da ich keine Verwandtschaft im östlichen Teil Deutschlands – der DDR – hatte, waren diese Deutschen auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs für mich Feinde. Sie bedrohten uns mit Vernichtung. Die NATO wurde auf allen Karten im Fernsehen immer blau dargestellt – wir waren die Guten –  die roten Kommunisten, die uns ihre Ideologie aufzwingen wollten, waren die Bösen. Sie waren wie die Borg im Star Trek-Universum – Ihr werdet alle assimiliert werden, Widerstand ist zwecklos!

Diese Gefühle, diese Angst, waren Teil meines Lebens.

Damals wurden auch noch Überschall-Flüge durch die Luftwaffe über bewohntem Gebiet durchgeführt. Ein Überschall-Knall war für mich nichts Ungewöhnliches, genauso wie Sirenengeheuel. Und im Herbst wurden die großen Manöver in der Bundesrepublik abgehalten. Der 7. Sinn warnte davor, zu dicht auf einen Panzer aufzufahren, da man als PKW-Fahrer leicht von diesem bei einer Vollbremsung zerquetscht werden konnte.

Und da ich häufig in Hohenfelde an der Ostsee bei meinen Großeltern war, war auch Flak-Lärm etwas Vertrautes, da hier ständig die Flugziele für die Flugabwehrkanonenpanzer Gepard vorbeiflogen, die einen Strandabschnitt weiter – in Todendorf – stationiert waren. Hier konnte scharf geschossen werden – nämlich auf´s Meer hinaus. Im Sommer 1991 war ich dann selbst in Todendorf als Wehrpflichtiger des Flugabwehrregimentes 6 stationiert. Damals war die Bundeswehr eine reine Verteidigungsarmee, die nur auf deutschem Boden operieren sollte oder im Bündnisfall. Nie wieder Krieg von deutschem Boden! Und dann waren deutsche Soldaten im Kosovo und unsere Freiheit wurde in Afghanistan verteidigt und in Mali.
Das war nicht der Plan!

Militär und atomare Bedrohung mit Friedensmärschen zu Ostern usw. gehörten zu meiner Welt. Genauso, wie die Erkenntnis, dass Deutschland die atomare Hauptkampfzone zwischen den beiden Blöcken war. Mein Vater hat Anfang der 1980er Jahre – als Soldat der Luftwaffe – an den WINTEX-Planungsübungen teilgenommen. Hier wurde der Angriff des Warschauer Paktes auf Westdeutschland „durchgespielt“. Und nach 45 Minuten kam der Befehl aus dem NATO-Hauptquartier in Brüssel, Atomwaffen über Deutschland abzuwerfen!

Und  als ich im Mai 1990 nach Gdynia bei Danzig auf Klassenfahrt war, fühlte sich das schon seltsam an, hinter den Eisernen Vorhang zu fahren. Deutschland wurde erst am 3. Oktober wiedervereint, so dass wir damals noch durch die DDR gefahren sind. Und Polen war noch Teil des Warschauer Paktes. Wir waren also tief im Feindesland.

Als dann die Deutsche Wiedervereinigung kam, sich der Ostblock und die UdSSR auflösten und es nur noch das Verteidigungsbündnis der NATO gab, dachte ich, dass es jetzt die Chance für weltweiten Frieden geben würde, dass wir den Hunger in der Welt bekämpfen könnten, die Umweltverschmutzung eindämmen würden und dass es zu einem globalen, friedlichen Miteinander der Völker kommen würde.

Doch nichts davon ist geschehen. Wo es früher einen Feind gab, kamen jetzt reihenweise muslimische Feinde, die dank der Amerikaner und der NATO weggebombt wurden. Nix war es mit einem friedlichen Miteinander der Völker.

Und jetzt befinden sich die Amerikaner im Verteidigungszustand 2 (DEFCON 2), bei 1 herrscht Krieg – bis hin zum Atomkrieg. DEFCON 2 gab es das letzte Mal während der Kuba-Krise im Oktober 1962. Der Kalte Krieg ist zurück und er ist heiß geworden, denn er wird mit Waffengewalt in Osteuropa – in der Ukraine – geführt.
Das ist doch Wahnsinn!

Wie ist es nur so weit gekommen?
Im Zuge der Gespräche zur Wiedervereinigung Deutschlands, haben im Februar 1990 die beiden Außenminister Baker (USA) und Genscher (Bundesrepublik Deutschland) die Welt darüber informiert, dass das vereinte Deutschland weiter Teil der NATO bleiben würde. Dafür sollte sich die NATO nicht weiter nach Osten ausbreiten. Ein Versprechen, dass nicht schriftlich festgehalten wurde. Deshalb gilt es heute nicht. Wenn die obersten Diplomaten der Welt ein mündliches Versprechen abgeben, dann gilt es nicht, so lange es nicht schriftlich festgehalten wird? Das stimmt mich traurig. Und dies ist der Anfang der Katastrophe in der Ukraine. Denn der Westen hat die Schwäche Russlands in den 1990er Jahren ausgenutzt, um sich immer weiter militärisch der Westgrenze Russlands anzunähern.
1999: Ungarn, Polen, Tschechien
2004: Rumänien, Slowakei, Slowenien, Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen
2009: Albanien, Kroatien
2017: Montenegro
2020: Nordmazedonien
Das Putin den Bogen mit dem Einmarsch in die Ukraine total überspannt hat und einen völkerrechtswidrigen Krieg begonnen hat, sehe ich genauso. Doch ich habe Verständnis für die tieferliegenden Gründe. Russland wurde vom Westen durchgehend ausgegrenzt. Und man ist der Westgrenze Russlands militärisch immer näher gekommen. Man bedenke, wie sich wohl die Amerikaner verhalten würden, wenn Russland mit Kanada und Mexiko ein Militärbündnis eingegangen wäre und dort Truppen stationieren würde. (Ach ja, hatten wir 1962 schon mal auf Kuba – das fanden die Amerikaner nicht so gut!) Aber die Russen müssen das hinnehmen.
Ich kann nur für uns alle hoffen, das die Situation nicht noch weiter eskaliert. Denn wenn selbst die Schweiz ihren Neutralitäts-Grundsatz aufgibt, wo soll das denn noch hinführen. So ähnlich muss die Stimmung vor dem 1. Weltkrieg gewesen sein und wo das hingeführt hat, wissen wir doch. Warum haben unsere Politiker nicht aus der Geschichte gelernt? Und auch unsere Medien fordern nicht zum Anhalten auf, sondern betreiben Kriegspropaganda.
Hört auf und kehrt zur Diplomatie zurück!!!

Früher wussten wir von den verschiedenen Möglichkeiten des Atomkrieges …

Es war klar, dass es keinen Gewinner geben würde und jeder Atomkrieg mit der Zerstörung unseres Planeten enden würde.
Das Gleichgewicht des Schreckens hat für den Frieden zwischen den Supermächten gesorgt.
Welcher Wahnsinn hat unsere Regierung befallen, wenn sie über die Möglichkeit eines Sieges in einem Atomkrieg nachdenkt?
Was passiert hier?

100 000 000 000 Euro – Mega-Schulden für Mega-Aufrüstung

Hurra, wir bekommen ein „Sondervermögen“ – und zwar in Höhe von 100 Milliarden Euro. Klingt gut, aber von wegen! Ein „Vermögen“ ist das allenfalls für reiche Finanzanleger, die dem Staat ihr Geld leihen – und dafür schon bald wieder höhere Zinsen kassieren dürften. Für den Staat und für uns alle handelt es sich dagegen um Mega-Sonderschulden, für die wir in Zukunft über Steuern reichlich blechen müssen. Und was bekommen wir dafür? Nicht etwa mehr Pflegekräfte in Krankenhäusern und Seniorenheimen, auch nicht bessere Renten oder mehr Kindergeld und auch keinen einzigen Lehrer zusätzlich – nein: Wir bekommen Atombomber, bewaffnete Drohnen, schwere Transporthubschrauber, Panzer und anderes tödliches Gerät, mit denen wir die Kriege der Zukunft führen können. Mein Video der Woche über das Märchen von der kaputtgesparten Bundeswehr, warum Hochrüstung die Kriegsgefahr erhört und warum es dringend mehr Protest und Widerstand braucht gegen diese qualitativ größte und damit gefährlichste nukleare Aufrüstung seit dem Nato-Doppelbeschluss der 80er Jahre:

NARRATIVE #97 – Robert Cibis im Gespräch mit Ralph T. Niemeyer

Sicht auf die Ukraine: aktuell und historisch