Gewalt und Rechtsextremismus bei Jugendlichen
 – Ursachenanalyse und Lösungsansätze –

Hausarbeit im Hauptseminar
Ausgewählte Beiträge zur Geschichte und Gegenwartssituation
der Haupt- und Realschule
unter der Leitung von
Studiendirektor Gerhard Bornhöft
Erziehungswissenschaftliche Fakultät
an der Christian-Albrechts-Universität Kiel

Sommersemester 1994

Die Arbeit umfasst 24 Seiten, die hier als PDF-Datei zu lesen sind.

 

Vorwort

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, eine Ursachenanalyse für die Probleme Gewalt und Rechtsextremismus bei Jugendlichen zu geben und darüber hinaus Lösungsansätze zur Bekämpfung dieser Probleme aufzuzeigen. Dabei bin ich ganz bewußt nicht auf die Ursachen für die Gewaltanwendung Jugendlicher eingegangen, die mit der Schule oder den Medien in Zusammenhang stehen. Ich bin der Meinung, daß dies Punkte sind, die eine gesonderte Betrachtung verdienen, und habe sie daher nicht zum Gegenstand dieser Arbeit gemacht. Das Anliegen dieser Arbeit ist es vielmehr, Faktoren unseres alltäglichen Zusammenlebens zu beschreiben, die mitverantwortlich sind für die steigende Gewaltbereitschaft und die zunehmenden rechten Orientierungen bei Jugendlichen.

 

Inhaltsverzeichnis

1 Zunahme der Gewalttaten Jugendlicher

2 Begriffliche Abklärung
2.1 Der Begriff Gewalt
2.2 Der Begriff Rechtsextremismus

3 Faktoren, die zu einer höheren Gewaltbereitschaft Jugendlicher führen
3.1 Berufswelt und Gewaltbereitschaft Jugendlicher
3.2 Wertewandel als Grund für eine negative Einstellung der Jugend zur Arbeit und Leistung
3.3 Der gesellschaftliche Verfall der Moral betrifft auch die Jugendlichen
3.4. Gewaltfördernde Selbstkonzepte
3.4.1 Selbstbehauptung
3.4.2 Selbstdurchsetzung
3.5 Erlebnisarmut als gewaltförderndes Mittel
3.6 Bedeutungsverlust der Familie als Sozialisationsinstanz
3.7 Erklärung für ein autoritär-nationalistische Orientierung Jugendlicher

4 Lösungsvorschläge zur Bekämpfung zunehmender Gewaltbereitschaft und autoritär-nationalistischer Orientierung Jugendlicher
4.1 Die Schule als Ausgangspunkt für eine kreative Jugendarbeit mit Jugendlichen
4.2 Änderung der Städteplanung und im sozialen Wohnungsbau
4.3 Die Bedeutung des Sports für die Jugendlichen

5 Änderung der Haltung der Gesellschaft gegenüber der Jugend

6 Fußnoten

7 Literaturverzeichnis

 

1  Zunahme der Gewalttaten Jugendlicher

Wenn wir heute die Zeitung lesen, vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht mindestens einen Artikel finden, in dem Gewalttaten Jugendlicher beschrieben werden. Brandanschläge auf Asylbewerberheime und Gewalttaten gegen Ausländer stehen dabei im Vordergrund. Aber auch Berichte aus Schulen zeigen uns, daß die Anwendung von Gewalt auf Seite der Jugendlichen zunimmt. Es werden tätliche Angriffe von Schülern gegen Schüler und Lehrer beschrieben, die häufig sogar mit Waffen, wie Gaspistolen oder Messern verübt werden. Auch hören wir von Messerstechereien in Diskotheken, an denen fast ausschließlich Jugendliche beteiligt sind. So ist in den letzten Jahren ein Bild von den Jugendlichen in der Gesellschaft entstanden, das die Jugendlichen als vermehrt gewalttätig und häufig auch als rechtsextremistisch darstellt. So schreibt das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV):

„Vom 1. Januar bis 31. Dezember 1991 wurden beim BfV 1500 Gewalttaten mit erwiesener oder zu vermutender rechtsextremistischen Motivation erfaßt. Waren es bis März 1991 rund 30 Gewalttaten pro Monat, so ereigneten sich allein im August 86, im September 222 und im Oktober sogar 501 Gewalttaten.“1

Dies ist ein Bild, das viele Bürger dieses Staates, vor allem aber Lehrer und Eltern, in Angst versetzt hat. Ziel dieser Arbeit ist es, Gründe für die zunehmenden Gewalttaten und rechtsgerichteten Tendenzen Jugendlicher zu analysieren und Lösungsansätze für diese Probleme zu entwickeln.

 

2  Begriffliche Abklärung

Bevor ich weiter mit den Begriffen „Gewalt“ und „Rechtsextremismus“ arbeite, soll an dieser Stelle eine Erklärung dieser Begriffe folgen, da es für das Verständnis dieser Arbeit von entscheidender Bedeutung ist, wie die Begriffe Gewalt und Rechtsextremismus zu verstehen sind.

 

2.1  Der Begriff Gewalt

Der Begriff Gewalt kann inhaltlich auf verschiedene Weisen gefüllt werden. In dem Gewaltgutachten der Bundesregierung wird mit folgender Definition gearbeitet:

„Der Gewaltbegriff soll aus der Sicht des staatlichen Gewaltmonopols bestimmt werden. Dabei soll es primär um Formen physischen Zwanges als nötigender Gewalt sowie Gewalttätigkeiten gegen Personen und/oder Sachen unabhängig von Nötigungssituationen gehen. Ausgeklammert werden sollen die psychisch vermittelte Gewalt im Straßenverkehr und die strukturelle Gewalt.“2

Hier wird eine Definition von Gewalt gegeben, die psychische und strukturelle Gewaltformen nicht mit einbezieht. Doch gerade diese beiden Gewaltformen sind, so wird diese Arbeit zeigen, entscheidende Ursachen für die steigende Gewaltbereitschaft von Jugendlichen.

Die Psychologie hat uns gezeigt, daß die Anwendung von psychischer Gewalt, wie z.B. die Androhung physischer Gewalt bei schlechten schulischen Leistungen, häufig viel gravierendere Auswirkungen auf einen Menschen haben kann, als die Anwendung physischer Gewalt. Aus diesem Grund hat sich die Unterkommission Psychiatrie auch entschieden gegen die oben genannte Definition von Gewalt gewehrt. Ihrer Ansicht nach ist die Ausgrenzung der psychischen Gewalt nicht gerechtfertigt,

„…da deren Wirkung oft sehr schwerwiegend und psychische Gewalt häufig mit physischer Gewalt vergesellschaftet ist. Psychische wie körperliche Gewalt haben Folgen im seelischen Bereich, und oft erreicht ein physisch oder rechtlich Überlegener sein Ziel bereits mit der Androhung von Gewalt. Psychischer Gewalt liegt meistens die Drohung mit physischer Gewalt zugrunde; die Drohung Existenzgrundlagen zu entziehen aufgrund körperlicher Überlegenheit oder Macht. Jedoch kann schon allein die Androhung eines Entzugs von Liebe und Aufmerksamkeit unter Umständen zum gleichen Ziel führen.“3

Die Unterkommission Psychiatrie konnte sich mit ihrer Sichtweise von Gewalt jedoch nicht gegen die Strafrechtler durchsetzten, so daß in dem Gutachten dennoch mit dem eingegrenzten Gewaltbegriff gearbeitet wurde.

Aus ähnlichen Überlegungen wie die Unterkommission Psychiatrie kommt THEUNERT zu folgender Definition von Gewalt:

„Gewalt ist…die Manifestation von Macht und/oder Herrschaft, mit dem Ziel der Schädigung von einzelnen oder Gruppen von Menschen.“4 Demnach liegt Gewalt immer dann vor, wenn eine Schädigung von Menschen als Folge von Macht und/oder Herrschaft, Macht und/oder Herrschaftsverhältnissen auftritt. So kommt THEUNERT zu zwei Bestimmungskriterien von Gewalt. Erstes Bestimmungskriterium ist die

„…bei dem oder der Betroffenen feststellbare Folge, die durch Gewalt bewirkte Schädigung… Das Ziel der Gewaltausübung tritt gegenüber der      Folge in den Hintergrund, es ist sekundäres Bestimmungskriterium.“5 Zweites Bestimmungskriterium ist, daß sie an die

„…Ausübung oder Existenz von Macht und Herrschaft gebunden ist. Macht und Herrschaft gründen auf die Verfügung über Machtmittel, die die Voraussetzung zur Gewaltanwendung schaffen.“6

Dabei unterscheidet THEUNERT je nach Art der Machtmittel zwischen situativen und generellen Machtverhältnissen.

„In situativen Machtverhältnissen ist die Ungleichverteilung von Machtmitteln primär situationsspezifisch geprägt, in generellen Machtverhältnissen dagegen langfristig und eindeutig zugunsten eines Parts geregelt und meist gesellschaftlich sanktioniert.“7

Mit dieser Unterscheidung von situativen und generellen Machtverhältnissen gelingt uns die Überwindung der Sichtweise von Gewalt als interpersonellen Beziehungen und wir können unsere Sichtweise auf die Gewaltverhältnisse ausdehnen, die in den gesellschaftlichen Strukturen verankert sind und sich nicht nur auf bestimmte Handlungen von Individuen beziehen. Somit hat Gewalt zwei Dimensionen, wobei personale Gewalt die Dimension bezeichnet, bei der Gewalt von Personen ausgeht. Strukturelle Gewalt hingegen ist die Dimension, welche die Strukturen des Gesellschaftssystem als Ausgangspunkt hat.8 Über diese Bestimmung des Gewaltbegriffs, mit der auch in dieser Arbeit gearbeitet wird, rücken auch die sozialen Bedingungen, die Gewalt erzeugen, mit in unser Blickfeld, so daß auch die Wirkzusammenhänge zwischen Sozialstrukturen und dem Verhalten einzelner Individuen aufgedeckt werden können. Dies ist gerade für die Analyse des gewalttätigen Verhaltens Jugendlicher von Bedeutung, da dieses Verhalten überwiegend eine Folge von gesellschaftlich produzierter Gewalt ist.

 

2.2 Der Begriff Rechtsextremismus

Wenn ein Jugendlicher heutzutage ausländerfeindliche Parolen äußert oder offen Gewalttaten gegen Ausländer verübt, wird er von der Gesellschaft oft als Rechtsextremist bezeichnet. Es wird sich zeigen, daß diese Meinung, die von großen Teilen der Gesellschaft vertreten wird, falsch ist. Denn eine rechtsextremistische Orientierung zeichnet sich durch zwei Grundelemente aus. Zum einen zählt dazu eine ideologische Rechtfertigung der Ungleichheit und Ungleichbehandlung von Menschen, und zum anderen gehört hierzu die breite Akzeptanz von Gewalt als Mittel politischen Handelns. Bei einer Aufgliederung diese   beiden   Grundelemente   kommt   HEITMEYER   zu   folgenden   Facetten rechtsextremistischer Orientierungen, „a) Der Ideologie der Ungleichheit der Menschen als zentralem, integrierendem Kernstück rechtsextremistischer Politikkonzepte entsprechen etwa folgende Facetten:

  • Nationalistische bzw. völkische Selbstübersteigerung
  • Rassistische Sichtweise/Fremdenfeindlichkeit
  • Unterscheidung von lebenswertem und unwertem Leben (etwa durch Eugenik)
  • Behauptung natürlicher Hierarchien (über Sozialbiologie)
  • Betonung des Rechtes des Stärkeren (Sozialdarwinismus)
  • totalitäres Norm-Verständnis, d.h. Ausgrenzung des „Andersseins“

Der Gewaltperspektive und -akzeptanz als zentralem, integrierendem Kernstück rechtsextremistischen politischen Verhaltens lassen sich folgende Facetten zuordnen:

  • Ablehnung rationaler Diskurse/Überhöhung von Irrationalismen
  • Betonung des alltäglichen Kampfes ums Dasein
  • Ablehnung demokratischer Regelungsformen von sozialen  und politischen
    Konflikten
  • Betonung autoritärer und militaristischer Umgangsformen und Stile
  • Gewalt als normale Aktionsform zur Regelung von Konflikten“9

Anhand dieser Merkmale von Rechtsextremismus erkennt man, daß viele Ausschreitungen der Jugendlichen, die als rechtsextremistisch bewertet werden, oft gar keine rechtsextremistischen Handlungen sind. Viele dieser Jugendlichen befinden sich politisch und ideologisch in einer „Grauzone“ zwischen autoritär­nationalisierenden, fremdenfeindlichen, gewaltfaszinierten Orientierungen und offen gewaltverherrlichenden, rassistischen Ideologien. So grenzt HEITMEYER die fremdenfeindlichen, autoritär-nationalistischen Orientierungen, wie er die gewalttätigen und rechten Verhaltensmuster der Jugendlichen nennt, ganz klar gegenüber rechtsextremistischen Ideologien ab. Für HEITMEYER sind diese Verhaltensweisen Jugendlicher die Folge von Ängsten, Unsicherheit und nicht bewältigter Alltagsprobleme.10

Um zu verhindern, daß die Jugendlichen in die rechtsextremistischen Ideologien gedrängt werden, müssen wir uns dieses Unterschiedes bewußt werden und aufhören, jugendliche Gewalttaten gegen Ausländer als Handlungen von Rechtsextremisten zu bezeichnen. Nur wenn wir verhindern, daß sich die Jugendlichen selbst als Rechtsextremisten sehen, können wir sie davor bewahren, sich tatsächlich rechtsextremistischen Organisationen anzuschließen.

Doch auch staatliche Institutionen neigen dazu, diese Trennung zwischen autoritär-nationalistischen und rechtsextremistischen Orientierungen zu übersehen  und  tragen  dazu  bei,  dieses Vorurteil  gegen  die  Jugendlichen aufzubauen bzw. zu forcieren. So schreibt der leitende Regierungsdirektor des BfV SIPPEL in einer Aufklärungsschrift des Bundesinnenministeriums folgendes: „Wer      Angehörigen      ethnischer      Minderheiten,      insbesondere Andersfarbigen und Ausländern aus osteuropäischen Staaten, nach dem Leben oder der Gesundheit trachtet oder in Kauf nimmt, daß diese an Leben oder Gesundheit geschädigt werden, offenbart, daß er die Zielpersonen seiner Angriffe für lebensunwert hält. Er stellt sich damit außerhalb der demokratischen und freiheitlichen Werteordnung. Diese Geisteshaltung entspricht exakt dem ideologischen Grundmuster des menschenverachtenden Rassismus.“11

Nach dieser Beschreibung gehören aber alle Angriffe – egal aus welchem Grund sie getätigt werden – in den Bereich des Rechtsextremismus, was für meine Begriffe nicht vertretbar ist. So werde ich auch im weiteren Verlauf dieser Arbeit mit dem Begriff der autoritär-nationalistischen Orientierung arbeiten und nicht mit dem Begriff Rechtsextremismus, da der Begriff Rechtsextremismus nur auf wenige jugendliche Gewalttäter zutrifft. Für die meisten Jugendlichen ist Gewalt ein wichtiges, z.T. lustvoll erlebtes Mittel der Selbstdarstellung bzw. Mittel der Freizeitgestaltung.

 

3 Faktoren, die zu einer höheren Gewaltbereitschaft Jugendlicher führen

Die Jugendphase gilt als die Lebensphase, in der Heranwachsende eine psychosoziale Identität aufbauen müssen. Sie sollen sich während dieser Phase auf die Erwachsenenrollen, wie Berufstätigkeit, Familiengründung, Kindeserziehung und die Wahrnehmung der Rechte und Pflichten eines Staatsbürgers vorbereiten. Dabei sollen sie die Rollen in der Weise übernehmen, daß sie hierbei als Individuen mit den ihnen eigenen Interessen und Fähigkeiten ihre persönliche Erfüllung finden. Doch ist diese Verwirklichung von Persönlichkeit im Jugendalter heute erschwert. Vielen Jugendlichen fehlt die Möglichkeit, eine positive Identität zu entwickeln und der Rechtsextremismus liefert den Jugendlichen fertige Konzepte, mit denen sie sich eine Identität aufbauen können. So muß es vorrangiges Ziel sein, den Jugendlichen Alternativen zu bieten, mit denen sie kreativ und produktiv ihre eigene Identität spielerisch und gestalterisch entwickeln können, und in denen sie ihre eigenen Fähigkeiten und Interessen kennen lernen. Doch um diese Alternativen anbieten zu können, müssen wir uns darüber klar werden, in welchen Bereichen diese Alternativen greifen müssen, wo also die Ursachen für gewalttätiges und rechtes Verhalten Jugendlicher liegen.

 

3.1  Berufswelt und Gewaltbereitschaft Jugendlicher

HURRELMANN kommt anhand einer repräsentativen Befragung Jugendlicher im Alter zwischen 17 und 21 Jahren zu dem Ergebnis, daß nur jeder zweite Auszubildende nach der Schule den Beruf erlernt, den er auch ursprünglich angestrebt hat. Nur jeder zweite würde bei freier Wahl wieder seinen aktuellen Ausbildungsweg einschlagen.12

Auch zeigen die Ergebnisse einer Längsschnittuntersuchung von HEITMEYER, daß es eine enge Beziehung zwischen Gewaltbereitschaft und Fremdenfeindlichkeit und einer Berufsauffassung gibt, die nur von Geldverdienen, Aufstiegs- und Karrieredenken oder dem Streben nach Sicherheit geprägt ist.13 Dabei verspüren aber, wie HURRELMANNs Studie zeigt, nur etwa die Hälfte der Jugendlichen Erfüllung, Ausgeschöpftsein und Befriedigung bei ihrer Tätigkeit.

Im Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtextremismus reicht eine formale Integration der Jugendlichen in die Arbeitswelt nach dem Motto „Hauptsache Arbeit“ also nicht aus. Wir müssen uns bemühen, den Jugendlichen eine für sie sinnvolle Tätigkeit zur Verfügung zu stellen, um sie so aus ihrer „Sinnkrise“ herauszuführen, die die Jugendlichen z.T. durch Gewalt und Vandalismus zu kompensieren versuchen.

 

3.2 Wertewandel als Grund für eine negative Einstellung der Jugend zu Arbeit und Leistung

Nach einer Theorie von INGELHART führt lang anhaltendes wirtschaftliches Wachstum prinzipiell zu einem Wandel in der Werteorientierung. Er geht dabei davon aus, daß sich die Werte weg vom Streben nach Wohlstand, Verdienst, einem höheren Lebensstandard, Sicherheit und Leistung als Hauptziel der Lebensgestaltung entwickeln. Diese Werte nennt er materielle Werte, welche dann durch die postmateriellen Werte wie Selbstverwirklichung, Gemeinschaft, Kreativität und Mitbestimmung verdrängt werden. Dabei werden die materiellen Werte aber nicht vollständig durch die postmateriellen ersetzt, sondern es entsteht ein Wertepluralismus, so daß dann in einer Gesellschaft verschieden Wertevorstellungen etabliert sind und daraus unterschiedliche Handlungsweisen entstehen. Bei uns hat sich der Wandel dabei langsam in Richtung auf die postmateriellen Werte verschoben.14

Man spricht heute häufig von der „Null-Bock-Generation“, die keine Leistung mehr bringen würde. Doch darf man dies nicht so pauschalisieren. Es haben sich nämlich nur die Bedingungen geändert, unter denen Jugendliche bereit sind, leistungsorientiert zu arbeiten. Die Arbeit muß für die Jugendlichen von heute als sinnbringend erlebt werden. Weiterhin ist es für die Jugendlichen wichtig, die Möglichkeit zu besitzen, das Leben selbst zu gestalten. Unter diesen Umständen sind auch heutige Jugendliche bereit, außerordentliche Leistungen und Engagement zu zeigen.15

Wie oben gezeigt (vgl. 3.1),werden diese Bedingungen jedoch kaum erfüllt und haben als Folge die, von HEITMEYER (vgl. 3.1) beschriebene, Zunahme von Gewalt und Fremdenfeindlichkeit auf Seite der Jugendlichen.

 

3.3 Der gesellschaftliche Verfall der Moral betrifft auch die Jugendlichen

In einem Aufsatz von BLINKERT mit dem Titel „Kriminalität als Modernisierungsrisiko“ beschreibt BLINKERT, wie sich im Verlauf industriewirtschaftlicher Modernisierung ein ganz spezifischer Typ der Orientierung im Bezug auf soziale Normen durchsetzt, den er „ulitaristisch-kalkulative Perspektive“ nennt. Hinter dieser Bezeichnung verbirgt sich eine Kosten-Nutzen-Analyse menschlichen Verhaltens.

„Der mit der industriewirtschaftlichen Modernisierung verbundene Trend zur Ökonomisierung und der Prozeß der Rationalisierung und Individualisierung führen dazu, daß verstärkt Situationen entstehen, in denen eine größere Zahl von Normadressaten die Kosten für illegitimes Verhalten als niedrige und den Nutzen von abweichendem Verhalten als relativ hoch einschätzen.“16

Das führt in unserer Gesellschaft so weit, daß der Verzicht auf Gesetzes- oder Regelverstöße häufig als dumm bzw. naiv angesehen wird, wohingegen der Einsatz illegitimer Mittel oft als clever bewertet wird. So wird illegitimes Verhalten von vielen Menschen unserer Gesellschaft als rationale Form des Konfliktlösens anerkannt. Dieses Denken kommt in einem Zeitungsartikel über ein Fußballbundesligaspiel recht gut zum Vorschein:

„Unsere Jungs sind zu naiv‘ meinte der Schalker Präsident Siebert. Diese Naivität eskalierte in der 87. Minute zur Dummheit, als sich die Schalker vom Mönchengladbacher Jensen den Treffer zum Ausgleich und Endstand ins Tor jagen ließen. ‚In der Situation‘, sagte Merkel ‚gab’s nur eine Lösung: umhauen‘, und Mittelstürmer Klaus Fischer pflichtet bei: ‚Rasieren, den Schützen vor dem Schuß rasieren’“17 Doch  dieses  Denken  setzt  sich  bereits  bei   12-14  Jährigen  als  „normale“ Handlungsweise durch, die Fairneß nämlich als

„nur unfair spielen, wenn es nötig ist“;

„kein unnötiges  Foul, wenn’s nicht anders geht,  muß fair gefoult werden“;

„nur bedingt foulen, nicht mit Absicht, nur im Interesse des Erfolges“;

„erfolgreich spielen, aber den Gegner nicht so stark verletzen“18 definieren.

Der   Prozeß   der   Individualisierung   und   Rationalisierung   hat   dabei,   nach BLINKERT, für illegitimes Verhalten folgende Bedeutung:

“   1. Die Herauslösung aus Traditionen, sozialmoralischen Milieus und institutionellen Bindungen ist mit einem Abbau der Bedeutung von
fixierten und vorentworfenen Handlungen verbunden. Das Individuum kann und muß zwischen Alternativen entscheiden.
Dabei spielt dann das Abwägen dieser Alternativen nach Kosten und Belohnungen, nach Erfolgs- und Mißerfolgswahrscheinlichkeiten eine große
Rolle…Konformität oder Abweichung wird in zunehmendem Maße von dem Ergebnis eines Risoko-Nutzen-Kalküls abhängig.

  1. Die Bedürfnisse des Individuums werden zum einzig maßgeblichen Bezugsrahmen für das Handeln. Es entsteht eine ‚hedonistische Orientierung‘, die Befriedigung individueller Bedürfnisse wird vorrangig.
  1. Die geringe Verankerung des Individuums in Institutionen und sozialen Bezügen hat zur Konsequenz, daß bei der Entscheidung zwischen Alternativen die externen Kosten eigenen Handelns…kaum noch eine Rolle spielen.“19

Wenn also menschliches Handeln so abläuft, daß jeder einzelne auf der einen Seite abwägt, wie er am einfachsten – auch mit illegitimen Mitteln – zum Ziel kommt und auf der anderen Seite eine relativ geringe Sanktionswahrscheinlichkeit für die meisten Vergehen existiert, ist es kaum verwunderlich, daß sich dieses Verhalten von den Erwachsenen auch auf die Jugendlichen überträgt. Bei den Jugendlichen kann sich dieses Verhalten dann in gewalttätigen Ausschreitungen gegen Personen, aber auch Sachen manifestieren, das allein aus Gründen des Frustrationsabbaus oder aber aus reiner „Aktions-Lust“ entsteht.

 

3.4 Gewaltfördernde Selbstkonzepte

HEITMEYER hat festgestellt, daß sich vor allem bei männlichen Jugendlichen zwei Selbstkonzepte in unserer „Erfolgsgesellschaft“ entwickelt haben, die besonders anfällig sind für Gewalt und Fremdenfeindlichkeit.20

 

3.4.1 Selbstbehauptung

Bei dem Selbstkonzept der Selbstbehauptung befinden sich die Jugendlichen (vornehmlich Jugendliche mit niedrigem Bildungsniveau) in der Defensive. So haben sie kaum Möglichkeiten, sich durch etwas hervorzuheben. Die Konsequenz ist, daß sie sich in Gruppen zusammenschließen, um hier die gewünschte Anerkennung zu finden und so aus der Gruppe Kraft zu schöpfen.

Da ihnen andere Möglichkeiten des Hervorhebens nicht zur Verfügung stehen, besinnen sie sich auf ihren Körper als Mittel, um diese Ziel zu erreichen. So ist es dann zu erklären, daß in diesen Gruppen häufig Kampfsport oder Bodybuilding als Körpermodelierung betrieben wird. Der Einsatz dieses „körperlichen Kapitals“ erfolgt dann im Kampf gegen andere Gruppen oder Gruppenmitglieder. Innerhalb der Gruppe ist das Kämpfen ein unverzichtbares Mittel um Ansehen zu erlangen und zu behaupten. Viele dieser Jugendlichen sind daher der Meinung, daß man sich am besten darstellen kann, wenn man zeigt, wie man sich gegen andere durchsetzen kann. Für sie ist jeder Tag Kampf und der Stärkere muß sich durchsetzen. Sie glauben, daß man sich in unserer Gesellschaft nur noch mit Gewalt wehren könne, um nicht „untergebuttert“ zu werden.

In unserer Gesellschaft, die alle traditionelle Sicherheit auflöst, wird der eigene Körper für viele Jugendliche zum Rückzugsgebiet. Er läßt sich planvoll verändern, während die Umwelt oft als chaotisch und fremdbestimmt erscheint. Aus dieser Einstellung heraus lassen sich dann auch jugendliche Ausdrucksformen, wie riskantes Autofahren in gestohlenen Fahrzeugen, S-Bahn-Surfen, gewalttätige Revierverteidigung von Jugendgangs und Formen von Jugendkriminalität erklären. In diesen Situationen haben Jugendliche Erfolgserlebnisse, wenn sich nämlich ihr Kapital – ihr Körper – als reaktionsschnell und stark in diesen Grenzsituationen erweist, die die Jugendlichen meistern können.21

 

3.4.2 Selbstdurchsetzung

Nach HEITMEYER findet man dieses Selbstkonzept vermehrt bei Jugendlichen höheren Bildungsniveaus, das der von BLINKERT beschriebenen ulitaristisch-kalkulativen Perspektive entspricht. Die Jugendlichen gehen hier von Werten, Normen und Moral als Mittel zur Gewinnung von Machtzuwachs bzw. Behauptung bestehender Machtverhältnisse aus. Es wird alles getan, um die eigene Individualität durchzusetzen und zu bewahren. So behaupten viele Jugendliche:

“ Gut ist, was mir nützt.
Ich habe mir meinen Weg im Leben gebahnt, wer mich stört, den schiebe  ich weg.
Meinen Wohlstand will  ich  nicht mit Asylanten teilen.“22

Diese beiden Selbstkonzepte sind Ausdruck wachsender sozialer Kälte und mit ihnen werden Formen expressiver Gewalt als Mittel zur Selbstpräsentation zunehmen.

 

3.5 Erlebnisarmut als gewaltförderndes Mittel

In unserer modernen Industriegesellschaft müssen sich die Menschen ständig kontrollieren, um Emotionen zurückzudrängen und ihre Triebe zu unterdrücken. Der Grund für dieses Verhalten ist zu vermeiden, andere Menschen zu stören. Wir unterdrücken unsere aktuellen Befindlichkeiten und Bedürfnisse, um so unser hochkomplexes Zusammenleben zu ermöglichen und aufrecht zu halten. Doch dieses Ansichhalten führt zu Spannungen und Aufstauungen von Aggressionen, die sich in dem Bedürfnis nach affektiven Erlebnissen manifestieren. Einem Bedürfnis aber, das zu befriedigen in der heutigen Gesellschaft kaum möglich ist. Besonders stark betroffen sind hiervon die Jugendlichen. Die Lebens- und Alltagswelten der Jugendlichen kranken daran, daß sie ihnen kaum die Chance geben, ihre Umwelt nach eigenen Phantasien, Entwürfen und Plänen zu begreifen. Diese Erlebnisarmut der Kinder und Jugendlichen entlädt sich in zunehmendem „abweichenden“ Verhalten. Doch in einer Welt, in der Verbotsschilder (Fußballspielen nicht erlaubt, Grünfläche darf als Spielplatz nicht genutzt werden, das Spielen und der Aufenthalt von Kindern ist hier verboten usw.) jeglichen kindlichen Bewegungsdrang unterdrückt, in der Gerichtsurteile Sportplätze und Bewegungsräume in unmittelbarer Wohnungsnähe schließen, weil sich Anwohner durch Kinderlärm gestört fühlen, in dieser Welt scheint es mir nicht ungewöhnlich, wenn sich Jugendliche durch Gewalt und Vandalismus Abwechslung verschaffen, um so auch offen gegen die bestehenden Verhältnisse zu protestieren.

Auch Sportvereine bieten hier ein zu eingeengtes Programm an. Für Kinder bis 12 Jahren gibt es normale Freizeitangebote, doch in den meisten Vereinen gibt es für die Älteren nur noch leistungsorientierte Riegen oder Mannschaften, aus denen die Schwächeren oder die, denen der Aufwand zu groß wird, herausfallen. So kommt es dann, daß Lehrer, Polizisten und Beschäftigte aus dem Bereich der Sozial- und Jugendarbeit die Beobachtung machen, daß gerade die Altersgruppe der 12-16 jährigen zu einer steigenden Gewaltbereitschaft und Brutalität tendiert. Meines Erachtens ist dies verständlich, denn diese Gruppe der Jugendlichen hat das größte Bedürfnis nach körperlicher Bewegung, das aber in unserer Gesellschaft kaum Möglichkeiten hat, befriedigt zu werden. So ist Gewalt und Vandalismus für viele Jugendliche ein Ventil, um ihrem Mangel an Bewegungsfreiheit Abhilfe zu verschaffen.23

 

3.6 Bedeutungsverlust der Familie als Sozialisationsinstanz

Um sich entfalten zu können, braucht das Kind die Achtung, die Wärme und den Schutz der Erwachsenen, die es ernst nehmen, es lieben und ihm helfen, sich zu orientieren. Werden diese Bedürfnisse des Kindes nicht befriedigt, wird es geschlagen, gestraft, vernachlässigt oder betrogen, so empfindet das Kind Gefühle, wie Zorn, Schmerz, Ohnmacht, Verzweiflung, Sehnsucht und Angst. Diese kann es aber nicht ausleben, da sonst weitere Sanktionen von den Erwachsenen verhängt würden. Das Kind ist also gezwungen diese Gefühle zu unterdrücken. Solche unterdrückten Gefühle äußern sich dann meist durch zerstörerische Akte gegen sich selbst (Suizid, Drogen- und Tablettenkonsum) oder gegen andere Personen oder Sachen, jedoch nicht gegen die Verursacher.24 Viele Eltern fühlen sich durch den schnellen Wandel der Lebensbedingungen und Werte in unserer Gesellschaft in ihrem Verhalten und Orientierungen verunsichert und dadurch bei der Erziehung ihrer Kinder überfordert. Sie sind häufig ratlos im Hinblick auf die Werte und Normen, die sie ihren Kindern vermitteln sollen. So werden viele Jugendliche mit ihren Problemen allein gelassen, gerade auch in einer so wichtigen Phase, in der sie Eigenständigkeit entwickeln sollen und Antworten suchen auf die Frage, wie sie ihren Lebensweg beschreiten sollen. Viele der Jugendlichen können mit der altersbedingt gewonnenen Freiheit nichts anfangen, da ihnen Leit- und Vorbilder fehlen, die ihnen Halt geben und ihnen eine soziale Orientierung vermitteln. Diese Jugendlichen flüchten sich oft in Jugendgruppen – sogenannte Cliquen (Peer-groups) – in denen sie Trost, Akzeptanz und Achtung entgegengebracht bekommen.

„Was bedeutet Skin sein für mich? Kameradschaft, Zusammenhalt, Freundschaften, halt eben daß man weiß, daß man jemanden hat, der auch zu einem hält, daß man sich freuen kann, wenn man sich mit irgendwelchen Leuten trifft oder eben mal losgeht oder so. Das ist besser, als wenn man jetzt allein zu Hause rumsitzt.“ (Heike, 18 Jahre, FAP-Mitglied, SKIN-Frau)25

Viele Eltern beschäftigen sich mit ihren Kindern nur dann, wenn sie die elterlichen Anforderungen und Erwartungen erfüllen. Jugendliche, die diese Erwartungen nicht erfüllen, weil sie z.B. schlecht in der Schule sind, bewerten dies als Versagen und kompensieren diese Niederlagen häufig durch gewalttätiges Verhalten. Viele Gründe für gewalttätiges und autoritär-nationalistisches Verhalten Jugendlicher sind im Kreise der Familie zu suchen.

Es fehlt vielen Jugendlichen an dem richtigen Halt und der Anleitung zur Bewältigung ihrer Probleme. Gerade dies ist einer der Gründe, warum Jugendliche in rechte Orientierungen abdriften. Die rechten Vereinigungen bieten den Jugendlichen Hilfe und Antworten auf ihre Fragen an, und Jugendliche in dieser Situation greifen oft nach jedem „Strohhalm“.

 

3.7 Erklärung für eine autoritär-nationalistische Orientierung Jugendlicher

Trotz all dieser Faktoren, die für die Jugendlichen gravierende Probleme darstellen, hält sich der Rechtsextremismus bei Jugendlichen stark in Grenzen. Zwar stimmen viele Jugendliche Parolen wie „Ausländer Raus“ oder „Deutsche Ausbildungsstätten für deutsche Jugendliche“ usw. zu, doch nicht aus einer rassistischen Grundeinstellung heraus, sondern weil viele dieser Jugendlichen Angst vor Überfremdung haben. Sie müssen sich die z.T. sehr knappen Lehrstellen mit Ausländern teilen und das in ihrem eigenen Land. Sie gehen in Schulen in denen mehr Ausländer als Deutsche zu finden sind, in denen es zu Auseinandersetzungen unterschiedlicher Kulturen gibt, denn, und das muß man auch berücksichtigen, viele Ausländer versuchen nach Normen und Werten zu leben, die uns Deutschen fremd sind und die auch nicht immer mit unseren eigenen Vorstellungen kooperieren können. Es gibt mittlerweile auch Stadtteile in deutschen Städten, in denen 40% Ausländer und 60% Deutsche leben. In diesen Stadtteilen kehrt sich das Zahlenverhältnis der Jugendlichen dann aber durch die kinderreichen ausländischen Familien geradezu um. Auch kommt es häufig zu Auseinandersetzungen zwischen männlichen Ausländern und Deutschen in diesen Vierteln, weil der Konkurrenzkampf um die Mädchen hier dadurch extrem zunimmt, daß viele Ausländer ihre Mädchen und jungen Frauen bis zur Heirat einfach „aus dem Verkehr ziehen“. So ist es zu erklären, daß viele Jugendliche die folgende Sichtweise eines deutschen Mädchens teilen.

„Ich habe persönlich nichts gegen Ausländer, aber daß sie uns auf der Straße anmachen, finde ich mies. Es sind zu viele da. Die meisten Deutschen sind arbeitslos, aber die Ausländer arbeiten immer noch. Das finde ich gemein. Sie sollen in ihrem Land bleiben. Als Touristen können sie gerne kommen, aber sie müssen wieder abdampfen. Es sei denn sie werden in ihrem Land verfolgt und sind in Lebensgefahr. Da gibt es aber auch bessere Länder als Deutschland. Die müssen doch nicht alle zu uns kommen.“26 Dies ist aber keine rechtsextremistische Haltung. Hier wird einfach nur die Angst vor Überfremdung geäußert.

Hinzu kommt die Politikverdrossenheit junger Menschen, die oft die Einstellung haben, daß es sich heute kaum noch lohne, zur Wahl zu gehen, da die Politiker nach der Wahl sowieso machen würden, was sie wollen.27 Auch geht vielen jungen Menschen der gesellschaftliche Wandel zu schnell, so daß sie oft nicht wissen, an was sie sich halten sollen, und ihnen die Zukunft so oft als unberechenbar erscheint. Sie sehnen sich oft nach einer starken politischen und sozialen Führung, die ihnen klare Maßstäbe gibt, die beständig sind und nach denen sie sich über längere Zeit richten können.28 So ist die zunehmende autoritär-nationalistische Orientierung vieler Jugendlicher zu erklären, die aber ganz klar von rechtsextremistischen Ideologien zu trennen ist.

 

4 Lösungsvorschläge zur Bekämpfung zunehmender Gewaltbereitschaft und autoritär-nationalistischer Orientierungen Jugendlicher

Die Jugendlichen unserer Gesellschaft leiden unter den Formen der strukturellen und psychischen, aber auch physischen Gewalt, die ihnen wie oben beschrieben in vielen verschiedenen Facetten tagtäglich widerfahren. So ist ihr eigenes gewalttätiges Handeln nicht nur eine Zurschaustellung ihrer eigenen Individualität, sondern auch als ein Hilferuf zu verstehen. Sie wollen ernst genommen werden, Sinn- und Zukunftsperspektiven eröffnet bekommen; es ist eine Überlebensstrategie, um in einer Welt zurechtzukommen, die kaum Raum läßt zur Selbstbestätigung und Selbstfindung. Es ist ein Ruf nach humaneren Lebensbedingungen, in denen emotionale Wärme statt Kälte, Zuneigung statt Ablehnung, wo Toleranz, Mitgefühl, Verständnis und Selbstentfaltungsmöglichkeiten vorherrschen. Sie verlangen nach einer Welt, in der das Erleben von Spannung, Abenteuer, Risiko, ganz allgemein von Affektivität gegeben ist. Und so lange wir ihnen diese Welt nicht bieten können, werden sie diese Werte und Normen in den verschiedensten Sub- und Jugendkulturen suchen, in denen sie diese auch größtenteils finden.

Den ersten Schritt, den wir machen müssen, um den Jugendlichen unserer Gesellschaft diese Wünsche zu erfüllen, ist der, daß wir ihnen zuhören, uns mit ihren Problemen beschäftigen, auch dann, wenn sie rechte Parolen rufen. Der erste Schritt um Probleme zu beheben muß der sein, die Jugendlichen ihre Probleme äußern zu lassen und sie nicht von vornherein in die „rechte Schublade“ zu stecken und zu behaupten, mit denen könne man sowieso nicht vernünftig reden. Man darf sie nicht bestrafen, sondern muß versuchen sie zu resozialisieren.

 

4.1  Die Schule als Ausgangspunkt für eine kreative Jugendarbeit mit Jugendlichen

Wenn man die Probleme der Jugendlichen bekämpfen will, muß man dies mit den Jugendlichen zusammen bewerkstelligen, man muß eine Jugendarbeit entwickeln, an der die Jugendlichen beteiligt sind, damit die Maßnahmen, die man ergreift, nicht am Ziel vorbeilaufen. Wie aber soll man nun an die Jugendlichen herantreten?

Meines Erachtens ist der beste Ausgangspunkt hierfür die Zusammenarbeit mit den Schulen. Jedes Kind geht in unserer Gesellschaft in die Schule. So ist es möglich, über die Schule Freizeitmöglichkeiten für die Schüler anzubieten. Es können am Nachmittag verschiedene Arbeitsgruppen (AGs) angeboten werden, deren Inhalte sich über Sport und Handarbeit bis hin zu naturwissenschaftlichen und technischen Bereichen erstrecken können. Die Arbeitsgruppenleitung übernimmt ein Lehrer, der speziell zu diesem Zweck eingesetzt wird. In den AGs sollen die Schüler selbst entscheiden, was sie thematisch bearbeiten wollen und in Zusammenarbeit mit der Fachkraft – dem Lehrer – einen Arbeitsplan für ein Schulhalbjahr entwerfen, an deren Erstellung und Durchführung alle Teilnehmer der AG beteiligt sind. Dabei soll der Lehrer Anregungen geben, die Schüler auf Probleme   hinweisen   und   Lösungsvorschläge   zur   Bewältigung   eventueller Probleme angeben, die die Schüler dann aber selbst ausführen sollten, soweit sie dazu in der Lage sind.

Die Vorteile, die sich aus solchen AGs ergeben sind folgende:

  • die Jugendlichen beschäftigen sich kreativ mit Dingen ihres Interesses
  • durch die Mitverantwortlichkeit innerhalb des Kurses machen die Jugendlichen die Erfahrung, daß ihre Stimme etwas erreichen kann, und daß ihre Meinung etwas zählt und von anderen berücksichtigt wird
  • sie lernen Toleranz zu üben, wenn ihre Meinung überstimmt wird
  • sie lernen zu argumentieren und ihre Interessen durchzusetzen, wobei sie immer Rücksicht auf die anderen AG-Mitglieder nehmen müssen
  • die Jugendlichen haben Erfolgserlebnisse bei der Durchführung der von ihnen bestimmten Themen und Inhalte
  • durch die AG können Freundschaften und emotionale Bindungen zu anderen Jugendlichen der AG, aber auch zu dem Lehrer entstehen, da der persönliche Kontakt hier größer sein sollte, als im normalen Unterricht
  • die Jugendlichen lernen Verantwortung zu übernehmen, wenn sie z.B. zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Referat halten wollen und dieses dann termingerecht vortragen müssen
  • sie lernen Kritik (positive und negative) zu üben und hinzunehmen
  • es ist sehr wahrscheinlich, daß sich die positiven Erfahrungen in den Kursen auch positiv auf die anderen schulischen Leistungen auswirken.

Wir stellen also fest, daß die Jugendlichen hier ihren Interessen nachgehen können, zusammen mit Gleichgesinnten, daß sie, für sie sinnvolle Aufgaben erfüllen, Erfolgserlebisse haben und spielerisch soziale Formen des Miteinander kennen lernen. Dies sind alles Dinge, die von vielen Jugendlichen vermißt werden und z.T. in Frustration und Gewalt eskalieren.

Aus eigenen Erfahrungen (Jugendfreizeitbetreuung in den Ferien, Mitorganisation der Tischtennismeisterschaften an der Theodor-Storm-Schule
Kiel) weiß ich, daß solche Freizeitangebote von vielen Jugendlichen dankbar angenommen werden. Und so haben sich solche AGs schon an vielen Schulen bewährt.

Weiterhin müssen wir uns bemühen, die Schüler vermehrt auch an Aktivitäten, die die Schule direkt betreffen, zu beteiligen. So sollten die Schülervertretungen vermehrt auch in Bereichen der Konflikt- und Sanktionsregelungen beteiligt werden, um so mit den Schülern eine konsistente und vorhersehbare Sanktionierung von Verstößen gegen die Schulordnung allgemein und gegen das Gewalttabu im besonderen zu erreichen. Des weiteren sollten die Schüler die Möglichkeit erhalten, durch die Übernahme von Teilverantwortung Reinigungs- und Verpflegungsdienste zu organisieren, Schulfeste auszurichten, Projektwochen zu gestalten und Projekte zu leiten. Dabei sollte man erproben, ob ältere Schüler als Tutoren für Jüngere eingesetzt werden können, um den Jüngeren in Konflikt- und Problemsituationen zu helfen. Durch solche Maßnahmen erreicht man eine stärkere Identifikation der Schüler mit ihrer Schule und verhindert so Angriffe auf Schuleigentum. Dabei sollten wir den Schülern ermöglichen, ihre Schule nach ihren Wünschen zu gestalten, d.h. ihre Klassen zu streichen oder zu bemalen, Poster und Bilder aufzuhängen, eine Spielecke einzurichten, den Schulhof zu verschönem usw.29

Der Grund dafür, daß ich für eine Jugendarbeit mit der Schule als Ausgangspunkt plädiere, liegt darin, daß Schulen schon existieren, daß man also keine neuen Räume schaffen muß, um ähnliche Aktionen durchzuführen. Auch liegen die Schulen in unmittelbarer Nähe der meisten Jugendlichen, es gibt für sie also keine langen Anfahrtswege. Diese Form der Jugendarbeit könnte ohne lange Anlaufs- und Vorbereitungszeit durchgeführt werden und viele Probleme Jugendlicher mildern. Daher ist sie meines Erachtens ein gutes Mittel für die Bekämpfung von gewaltfördemden Faktoren im Bezug auf Jugendliche.

 

4.2  Änderungen in der Städteplanung und im sozialen Wohnungsbau

Wenn heute neue Wohnsiedlungen errichtet werden, muß darauf geachtet werden, daß genügend Freiräume für die Kinder und Jugendlichen geschaffen werden. Es müssen Spielplätze, Fußball- und Basketballplätze, ein Jugendfreizeitheim Platz finden bei der Planung neuer Wohnsiedlungen. Auch sollte man davon Abstand nehmen, in der „Betonsiloweise“ zu bauen, da dies zur Gettobildung führt. Vielmehr sollte man darauf achten, daß man Wohnanlagen baut, die eine nachbarschaftliche Kommunikation ermöglichen, familienfreundlich sind und ihren Bewohnern genügend private und öffentliche Räume zur Verfügung stellen. Schon bestehende Wohnsiedlungen müssen im Hinblick auf diese Aspekte modernisiert werden. Wir müssen eine lebensfreundlichere Umwelt schaffen, um so die Erlebnisarmut unserer Jugendlichen zu bekämpfen und ihnen Platz schaffen, um ihr Bedürfnis nach Bewegung zu befriedigen. Dabei ist es wichtig, daß die Spielplätze und Jugendeinrichtungen auf die Jugendlichen zugeschnitten werden und ihre Planung nicht nach bürokratischen Vorschriften durchgeführt wird, deren Ergebnis ein Spielplatz oder Freizeitheim ist, das nicht von den Jugendlichen genutzt wird, da es ihren Ansprüchen nicht gerecht wird.

 

4.3  Die Bedeutung des Sports für die Jugendlichen

Der Sport ist für viele Jugendliche oft das einzig übriggebliebene Erfahrungsfeld, auf welchem sie Erfolg, Selbstbestätigung, positives Gruppenerlebnis mit Anerkennung und Gruppenerfolg erfahren können. Durch sportliche Aktivitäten können:

  • Aggressionen und motorischer Betätigungsdrang abgearbeitet werden
  • vorhandene körperliche Fähigkeiten positiv eingesetzt werden
  • die Beziehungen von Jugendlichen untereinander, zu ihrer Umwelt und zu den
    jeweiligen Mitarbeitern geübt und verbessert werden
  • das Akzeptieren vorhandener Regeln gelernt werden
  • Erfolgserlebnisse erzielt werden

Daher halte ich es für besonders wichtig, daß das Freizeitangebot im sportlichen Bereich verbessert wird. Die Vereine müssen gerade für die 12-16 jährigen ein vemünftiges Freizeitsportprogramm entwickeln, das parallel zu den leistungsorientierten Riegen läuft und auch den Schwächeren die Möglichkeit bietet, positive Erfahrungen im Sport zu machen. Dabei müssen Schule und Verein enger zusammenarbeiten, um die Jugendlichen zur Teilnahme am Sport zu bewegen und ihnen sportliche Möglichkeiten zu eröffnen.

 

5 Änderung der Haltung der Gesellschaft gegenüber der Jugend

All die oben beschriebenen Maßnahmen zur Resozialisierung Jugendlicher haben nur dann einen Zweck, wenn sich die gesellschaftliche Haltung im Bezug auf die Jugendlichen ändert. Wir müssen aufhören, die Jugendlichen selbst für ihre Ausschreitungen verantwortlich zu machen, sondern die gesellschaftlichen und strukturellen Auslöser für dieses Verhalten erkennen. Alle Teile der Gesellschaft müssen sich bewußt werden, daß unsere Probleme mit den Jugendlichen Probleme der Gesellschaft und des Systems sind, in dem die Jugendlichen aufwachsen. Wir müssen uns bemühen, Toleranz und Verständnis für unsere Jugendlichen aufzubringen, um dann gemeinsam Lösungen zu suchen, aber vor allem auch umzusetzen. Erst wenn diese Bedingungen erfüllt sind, wird sich das Verhalten der Jugendlichen wieder bessern. Wenn die Gesellschaft bereit ist ihren Jugendlichen die nötigen Freiräume zu schaffen, auch dann, wenn man Kinderlärm ertragen muß, wenn jeder einzelne bereit ist Opfer zu bringen, erst dann wird unser aller Leben vielleicht wieder etwas erfüllter und glücklicher werden. Doch muß dazu eine vernünftige Aufklärung der Bevölkerung durch Medien, Elternabende, Polizei, Sozial- und Jugendämter erfolgen. Diese müssen der Bevölkerung die Ursachen für jugendliches Fehlverhalten verdeutlichen, damit sich jeder einzelne seiner Rolle und Funktion im Bezug auf die Jugendlichen insgesamt, aber primär auch für seine eigenen Kinder oder Enkelkinder bewußt wird. Wir müssen aufhören, die Jugendlichen auszustoßen und dürfen es nicht weiter zulassen, daß sie von den Medien ständig als gesellschaftliches Problem bezeichnet werden. Wir müssen uns alle ändern, damit sich die Jugendlichen ändern, denn wir und unsere Art und Weise, miteinander umzugehen, sind das Problem der Jugendlichen.

Wir müssen unseren Jugendlichen wieder mehr Achtung und Verständnis entgegenbringen, Toleranz üben, sie auf Fehler aufmerksam machen, ihnen bei ihren Problemen helfen und ihnen die Wärme, Geborgenheit und Liebe angedeihen lassen, die sie für eine normale Entwicklung benötigen. Auch müssen vermehrt die Eltern darauf achten, daß sie ihre Kinder nicht überfordern und ständig unter Druck setzen, und ihren Kindern so indirekt zeigen, daß sie Versager sind. Wenn wir alle unsere Haltung gegenüber den Jugendlichen ändern, dann werden wir das Problem der Jugendlichen und Gewalt bzw. autoritär-nationalistischen Orientierungen lösen können.

 

6 Fußnoten

1 Sippel. H., 1992, S. 7

2 Schwind. H.-D./Baumann, J. u.a. (Hrsg.). 1990, S. 38

3 Remschmidt, H. u.a., 1990, S. 157-292 4Theunert. H. 1987, S. 40

5 Theunert. H., 1987, S. 40

6 Theunert, H.. 1987. S. 40

7 Theunert, H., 1987. S. 41

8 vgl. Theunert, H., 1987, S. 41

9 Heitmever. W.,41992, S. 16

10 Heitmeyer. W./Peter, J.-L, 1988

11 Sippel, H„ 1992, S. 9

12 vgl. Hurreimann, K., 1990. S. 363-380

13 vgl. Heitmeyer. W., 1992, S. 471-478 u. S. 10 f.

14 vgl. Pilz, G. A.. 1993. S. 40

15 vgl. Pilz, G. A., 1993, S. 42 16Blinkert, B., 1988. S. 398

17 Pilz, G. A„ 1993, S. 45 18Pilz. G. A.. 1993, S. 45

18 Pilz, G. A„ 1993, S. 45 18Pilz. G. A.. 1993, S. 45

19 Blinkert. K.. 1988. S. 402 f. 2Ovgl. Heitmeyer, W.. 1992

20 vgl. Heitmeyer W., 1992

21 vgl. Pilz. G. A.. 1993, S. 50 f.

22 Pilz, G. A. 1993, S. 52

23 vgl. Pilz, G. A.. 1993. S. 53-59

24 vgl. Miller. A., 1985, S. 175 f.

25 Pilz, G.A., 1993, S. 68 f.

26 Wobbe. T. 1992. S. 16

27 vgl. Pilz, G. A„ 1993, S. 156

28 vgl. Pilz, G. A„ 1993, S. 156

29 vgl. Pilz, G. A., 1993, S. 111

 

7 Literaturverzeichnis

BUNKERT, B.: Kriminalität als Modernisierungsrisiko. In: Soziale Welt, 1988, S. 397-412

HEITMEYER, W.: Rechtsextremistische Orientierungen Jugendlicher. Empirische Ergebnisse und Erklärungsmuster einer Untersuchung zur politischen Sozialisation. Weinheim, München,1992

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HURRELMANN, K.: Gewalt in der Schule. In: SCHWIND, H.-D/BAUM ANN, J. u.a.: Ursachen, Prävention und Kontrolle von Gewalt. Berlin, 1990, Bd. 3, S.363-380

MILLER, A.: Bilder einer Kindheit. Frankfurt, 1985 PILZ, G. A.: Jugend, Gewalt und Rechtsextremismus. Möglichkeiten und Notwendigkeiten politischen, polizeilichen und (sozial-) pädagogischen Handelns. Hannover, 1993

REMSCHMIDT, H. u.a.: Ursachen, Prävention und Kontrolle von Gewalt aus psychatrischer Sicht. In: SCHWIND, H.-D./BAUMANN, J. u.a.: Ursachen, Prävention und Kontrolle von Gewalt. Berlin, 1990, Bd. 2, S. 157-292

SCHWIND, H.-D./BAUMANN, J. u.a.: Ursachen, Prävention und Kontrolle von Gewalt. Berlin, 1990, Bde. 1-4 SIPPEL, H.: Aktuelles Lagebild des Rechtsextremismus im vereinten Deutschland. In: DER BUNDESMINISTER DES INNERN: Extremismus und Fremdenfeindlichkeit. Bonn, 1992, Bd. 1, S. 7-21

THEUNERT, H.: Gewalt in den Medien – Gewalt in der Realität. Opladen, 1987 WOBBE, T.: Fremdenfeindlichkeit, Rechtsradikalismus und Geschlechterfrage. In: KOFKA, Zeitschrift für Feminismus und Arbeit, 8/9, 1992, S. 9-19

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